Geschrieben von:
Alexandra Borchardt
Spatz zeigt, wie Geschwindigkeit und radikale Nutzer:innenzentrierung entscheidend für erfolgreiches Wachstum und Skalierung sind. Das Ergebnis: ein funktionierendes lokales und gemeinwohlorientierte Medienangebot zu einem Bruchteil klassischer Kosten, getragen durch Bürger:innen in den Gemeinden, Low-Tech-Infrastruktur und klaren KPIs.
„Geschwindigkeit ist entscheidend. Es geht darum, schnell von der Nutzerschaft zu lernen“
Die Gründungsgeschichte
Hannes Grassegger, ein international angesehener Tech-Journalist, hatte nicht vor zu gründen, schon gar nicht im Lokaljournalismus. Aber er macht sich Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die weltweite Informations-Infrastruktur. Die Geschäftsmodelle der Traditionsmedien sind angezählt, die Qualität und Verlässlichkeit der sozialen Medien sinkt, öffentlich-rechtliche Anbieter stehen unter politischem Druck.
Wie müsste eine solche Infrastruktur aussehen, welche die Versorgung der Bevölkerung mit faktenbasierten Informationen sichert, und so den Zusammenhalt stärken würde? Die Frage, wie sich informationelle Souveränität herstellen lassen könnte, lässt ihn nicht mehr los. Anlässlich der „No Billag“-Initiative in der Schweiz 2018 – einem Versuch, die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks infrage zu stellen – formt Grassegger einen Vorschlag für ein Schweizer Social Network für Journalismus zu einem Essay für die Zeitschrift Das Magazin.
Darauf werden die beiden Stiftungen Migros Pionierfonds und Mercator Schweiz aufmerksam. Über zwei Jahre Entwicklungsarbeit entsteht Spatz: die erste KI-native Plattform für Lokaljournalismus. Es ist ein dezentrales, partizipatives Informationsnetzwerk für die Schweiz mit Skalierungspotenzial. Es ermöglicht Bürgerinnen und Bürgern, ihre Informations- und Kommunikationsbedürfnisse in die eigenen Hände zu nehmen. Der Ansatz ist gemeinnützig. Grassegger: „Es geht mir nicht darum, die Presse zu retten – sondern Journalismus in unser neues Zeitalter zu bringen.“
Welches Problem löst Spatz für welche Zielgruppe?
Spatz macht es Menschen einfach, sich über das Leben vor Ort, in ihrer Gemeinde oder ihrem Stadtviertel zu informieren – und vor Ort mitzusprechen. So entsteht Gemeinschaft. Vor allem außerhalb der Ballungszentren haben Bürgerinnen und Bürger nur wenig Möglichkeiten, sich systematisch darüber zu informieren, was an ihren Wohnorten geschieht – nicht nur in der Schweiz. Lokalzeitungen sind auf dem Rückzug, hyperlokaler, menschengemachter Journalismus ist teuer. Im Widerspruch dazu steht der journalistische Grundsatz: „je näher, desto wichtiger“. In das entstehende Informationsvakuum stoßen Organisationen oder Individuen mit Eigeninteressen vor, die eine politische oder kommerzielle Agenda verfolgen.
Dem wirkt Spatz entgegen. Durch seine Infrastruktur, gestützt auf eine simple Website plus Verteilung über E-Mail und WhatsApp, ermächtigen die „Spatzen“ Menschen dazu, selbst zu melden, was in ihren Gemeinden passiert. Dies wird durch öffentliches, frei verfügbares Material ergänzt, das Spatz von KI-Tools aufsammeln und verarbeiten lässt. So entsteht eine dezentrale Informationsinfrastruktur. An jedem Ort prüfen lokale Moderatoren die Qualität und Auswahl der Inhalte.
Was ist das Geschäftsmodell?
Nach einer stiftungsfinanzierten Startphase baut Spatz auf einen Mix mehrerer gemeinwohlorientierter Einnahmequellen: Self-Service-Inserate lokaler Gewerbebetriebe und Organisationen, die diese unkompliziert und eigenständig hochladen können, sowie manuell vermittelte Werbe-Partnerschaften mit regionalen KMU oder landesweiten Partnern. Aus der Community fließen Einmal-Zuwendungen und Fördermitgliedschaften. All das stärkt den gemeinnützigen Zweck von Spatz, die Bürger:innen mit lokalen Informationen zu versorgen. Seit dem Sommer 2025 fördert der Media Forward Fund das Wachstum mit 400.000 Euro.
Was haben die Gründer getan?
Phase 1: Die grüne Wiese Hannes Grassegger startet mit einem unbeschriebenen Blatt, man nennt das Grüne-Wiese-Übung. Unabhängig von tradierten Modellen aus der Medienbranche überlegt er: Was braucht man wirklich, wenn man eine verlässliche und digital souveräne Informations-Infrastruktur von null aufbaut? Dazu führt er viele Gespräche. Mit Menschen unterschiedlicher Interessenlagen diskutierte er den Plan, ein Social Network für verlässliche Informationen aufzubauen. Es zeigt sich, dass Bürger:innen sich eher von der Nachrichtenfülle überwältigt fühlen. Nur in der eigenen Nachbarschaft vermissen sie einfach zugängliche Informationsquellen. Gleichzeitig zeichnet sich ab: Verleger:innen und Journalist:innen mit ihren komplett unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen lassen sich nicht zu einer genossenschaftlichen Lösung bringen.
Phase 2: Experimentieren 2022 konzipiert Spatz eine Art ultralokale App, die aus öffentlichen Open Data Quellen, Beiträgen von lokalen Institutionen und Nutzern lokale News zusammentragen soll. Ein “journalistischer Chatbot” namens “Reporter” soll den Nutzenden systematisch die wichtigsten journalistischen Fragen stellen, um daraus kleine Artikel zu erstellen. Kurz nachdem die Finanzierungszusage von den Stiftungen im Oktober 2022 eintrudelt, kommt im November ChatGPT auf den Markt. Das ist perfektes Timing. Aber die Nutzung von Chatbots ist noch kein gelerntes Verhalten. Das Team setzt deshalb auf existierende Infrastrukturen, zum Beispiel lokale Kleinstmedien und die Verbreitung über E-Mail oder WhatsApp.
Phase 3: Krise Der Chatbot funktioniert, aber nicht das Konzept, mit Lokalmedien zusammenzuarbeiten. Zu unterschiedlich sind die Ansprüche. Ursprünglich war der Plan, nur eine technische Infrastruktur zu entwickeln. Aber im November 2023 ist klar: So funktioniert das nicht. Weil KI sehr gut Webseiten lesen und auswerten kann, baut das Team ein agentisches Tool, um lokale Inhalte zusammenzutragen.
Phase 4: Durchstarten Am 23. Mai 2024 launcht Spatz in Alttoggenburg sein erstes eigenes Medium – in einer Region, in der es seit zehn Jahren keine Lokalzeitung mehr gibt. Alttoggenburg News wird zum Prototypen: Produkt und Features werden erst technisch entwickelt, sobald reale Zahlen aus der Nutzerschaft die Nachfrage belegen. Davor wird alles von Hand gemacht. Im neuen Medium kombiniert Spatz alles Gelernte, und das funktioniert noch heute so: Die KI hilft, lokale Infos aus dem Netz zu sammeln, ein Chatbot unterstützt die Nutzerschaft dabei, Beiträge einzusenden, ein Mensch prüft und wählt alle Inhalte aus – und die Zeitung erscheint als Mail und WhatsApp.
Phase 5: Skalieren Von August 2024 bis August 2025 lernt Spatz, das Produkt an anderen Orten aufzubauen und die lokale Community zu entwickeln. Auf der Website spatz.news gibt es keine Nachrichten, sondern nur den Zugang zu den Regionen, in denen Spatz aktiv News ausliefert. Bürger:innen können dort Ortschaften oder Regionen als Verbreitungsgebiet vorschlagen. Spatz publiziert wöchentlich per Mail und WhatsApp. Als Grundsatz gilt: Eine Dorfzeitung muss sich von einer Person in vier Stunden pro Woche erstellen lassen, einer 10-Prozent-Stelle. Unterstützt wird dies von einer Plattform, die sich zentral um Software-Entwicklung und verlegerische Aufgaben kümmert. Pro Zeitung kalkuliert Spatz Produktions-Kosten von CHF 20.000 pro Jahr.
Phase 6: Wirtschaftsmodell entwickeln. Es stellt sich heraus, dass die Begeisterung der Nutzer gemessen an Öffnungsraten und Nutzerzahlen überall vergleichbar ist – und dies bei etwa fünf Prozent der Kosten einer wöchentlichen Dorfzeitung aus der Print-Ära. Nun wird die Einnahmeseite entwickelt. Das Team testet verschiedene Hypothesen zu gemeinbwohlorientierten Einnahmequellen. Es lernt, in “Unit Economics”, “Customer Acquisition Cost” und “Lifetime Value” zu rechnen und versteht, dass eine Finanzierung der Kosten möglich ist. Mit der wachsenden Bekanntheit wird Spatz auch für Werbetreibende attraktiv. Mit drei bis vier Inseraten pro Monat lässt sich ein:e Moderator:in bezahlen. Im März 2026 gibt es 16 Ausgaben, die 44 Schweizer Gemeinden abdecken.
Phase 7: Internationalisierung und Qualität. Spatz plant, bis Ende 2026 mindestens 20 digitale Dorfzeitungen im DACH-Raum zu betreiben. Dieses Wachstum ist Teil der Förderung durch den Media Forward Fund. Regionen können sich entweder selbst vorschlagen oder werden nach Datenanalyse ausgewählt. Ein stabiler Finanzierungsmix aus Mitgliedschaften und der Erschließung lokaler Werbemärkte soll dazu führen, dass Spatz langfristig tragfähig wird. Auch die journalistische Qualität soll steigen. An jedem Standort soll es ein- bis zweimal im Jahr vertiefende lokale Reportagen geben, über die die Menschen in den Gemeinden sprechen – ganz im Sinne des Gemeinschaftsgefühls.
Wie Spatz als Unternehmen organisiert ist
Spatz ist als gemeinnütziger Verein organisiert, der alle größeren Entscheidungen prüft. Grassegger ist Geschäftsführer aber nicht mehr im Vereinsvorstand, gegenüber welchem er sich verantwortet. Das Plattform-Team hat zwischen vier und fünf hybrid arbeitende Mitarbeitende und organisiert sich über eine wöchentliche Sitzung. Einmal im Monat tagt die Sitzung der lokalen Moderatoren, dazwischen läuft der Austausch über Slack.
Wie Spatz seinen Erfolg misst
Der Erfolg wird mit Hilfe eines Daten-Dashboards gemessen, welches das Team – wie das ebenfalls gemeinnützige Medienhaus Andererseits, ein weiterer Förderpartner des Media Forward Fund – mit der Beraterin Anja Noster entwickelt hat (siehe Praxis-Tipp). Die wichtigsten KPIs sind die Öffnungsrate der Aussendungen, Einsendungen von Nutzern, Weiterempfehlungen (Referrals) und die Monetarisierungs-KPIs. In den verschiedenen Regionen haben jeweils zwischen mehreren Hundert und um die 1000 Menschen einen „Spatz“ abonniert. Kommen 200 Abnehmer:innen zusammen, wird gelauncht. Das Ziel ist, dass jeweils 80 Prozent der Nutzenden das Produkt öffnen.
Welche journalistischen Prinzipien gelten
Es geht Spatz um das Sammeln von Fakten. Das „Was ist passiert?“ ist wichtig, nicht die Wertung. Kommentar und Einordnung werden durch Leserzuschriften eingefangen. Spatz unterstützt Partizipation und bietet dafür Tools. Wer etwas beiträgt, bekommt KI-Werkzeuge an die Hand. Lokaljournalismus funktioniert anders als die Arbeit im Überregionalen. „Im Lokalen ist das Zwei-Quellen-Prinzip nicht abbildbar“, sagt Grassegger. Dafür gilt das Vier-Augen-Prinzip: An jedem der Standorte gibt eine Redakteurin oder ein Redakteur Inhalte frei, anschließend werden Inhalte auf Plattform-Ebene formal geprüft. Auf eine politische Positionierung verzichten die „Spatzen“: „Wir versuchen die Breite des Spektrums innerhalb der legalen Grenzen abzubilden.“ Spatz verpflichtet sich dem Schweizer Pressekodex und hat Leserbriefrichtlinien, die beispielsweise Diskriminierung ablehnen und Quellen als Beleg für Eingesandtes einfordern.
So entscheidet Spatz über Produkte
Bei Spatz gilt das Lean-Prinzip: Produkte werden entwickelt, wenn eine Nachfrage existiert – bislang gibt es nur eins. Der Aufwand muss überschaubar bleiben. Spatz versucht, an bestehende Nutzer:innen-Gewohnheiten anzuknüpfen, in dem Fall: das Checken von WhatsApps und das Durchschauen des Mail-Postfachs. Kostspielige Gimmicks und arbeitsintensive Produkte gibt es nicht, denn die Skalierung zu möglichst geringen Kosten steht im Mittelpunkt. Spatz ist das MVP des Journalismus, sagt Grassegger. MVP, das steht für “Minimum Viable Product”.
Das hat Spatz gelernt – aus Erfolgen und Fehlern
Das sagt Hannes Grassegger:
Es ist zentral, den Menschen zuzuhören und Produkte vom Nutzenden her zu entwickeln. „Menschen sind sehr aktiv, schlau und medienerfahren.“
- Geschwindigkeit ist entscheidend. Es geht darum, schnell von der Nutzerschaft zu lernen. Dazu gehört, diese Nutzerschaft schnell zu vergrößern. Zu den Nutzenden gehören auch die Geldgeber.
- Man muss ständig alle möglichen Darlings killen, das gefällt nicht immer allen.
- Viele Annahmen, auf denen die Medienbranche aufbaut, lassen sich nicht verifizieren, denn sie sind von der Verleger-Perspektive geprägt. Was Spatz herausgefunden hat: Menschen sind durchaus bereit, für Journalismus zu zahlen. Sie haben keine Angst vor Algorithmen, wenn sie ihnen dienen. Das Breaking-News-Geschäft hilft den Medien, aber nicht den Menschen, es erhöht nur die Panik in der Gesellschaft.
- „Low Tech“-Lösungen sind oft überlegen. Existierende Infrastrukturen wie E-Mails zu nutzen ist effektiver und günstiger als eine teure App zu bauen, die man mit viel Aufwand vermarkten muss.
- Man muss die Kunden von Anfang an nach Geld fragen, nicht erst liefern und dann nach Geld fragen, wenn sich die Nutzenden schon an eine Kostenlos-Kultur gewöhnt haben. Dabei gilt, die Adressaten nicht zu verwirren: ein „Call to Action“, also eine simple Botschaft reicht.
- Eine noch schnellere Skalierung ist wichtig. Sobald Spatz die gesamte Schweiz abdeckt, ist es auch für überregionale Kunden als Werbepartner interessant.
- Die Geschwindigkeit der Tech-Entwicklung ist jener von journalistischer Aufbauarbeit weit voraus. Es gilt, schneller zu sein als andere, die ähnliche Infrastrukturen für ihre eigenen Interessen nutzen und ausbauen.
Was würde der Spatz-Gründer beim nächsten Mal anders machen?
Team-Building ist schwierig und sollte unbedingt begleitet werden. Die wenigsten Gründer haben HR-Fähigkeiten – schon gar nicht solche, die aus dem Journalismus kommen.
Tipp für andere Gründer:innen
Man muss beim Aufbau eines Unternehmens branchenunabhängig denken und sich weder von der Medienbranche noch der Tech-Branche Lösungen diktieren lassen.
Autorin: Alexandra Borchardt, unabhängige Medienforscherin, Journalistin und Strategie-Beraterin
Foto: Media Forward Fund / Ivo von Mühlenen
Film: Sympathiefilm
Zuletzt aktualisiert: 27. März 2026