„Wir wollen Regionaljournalismus neu denken“
Geschrieben von:
Alexandra Borchardt
Wie bleibt unabhängiger Journalismus dort präsent, wo klassische Medien Menschen nicht mehr erreichen? DAZWISCHEN verbindet Podcast, Newsletter und Veranstaltungen, um Menschen in Sachsen-Anhalt anzusprechen. Unsere Case Story zeigt, wie detektor.fm damit neue Wege im Regionaljournalismus erprobt und was andere daraus lernen können.
In welchem Kontext wurde „DAZWISCHEN“ von detektor.fm entwickelt?
„DAZWISCHEN“ ist ein von dem Leipziger Podcast-Unternehmen detektor.fm speziell für Sachsen-Anhalt entwickeltes Angebot. Es besteht aus einem regionalen Podcast verbunden mit einem Newsletter und Veranstaltungen. Auslöser für das Projekt war die Sorge um die politische Zukunft des Bundeslandes vor den Landtagswahlen im September 2026. detektor.fm Geschäftsführer Christian Bollert und sein Team hatten die Schwäche des regionalen Journalismus in dem Bundesland als eine der Ursachen für das Wahlverhalten der Bevölkerung ausgemacht. Hinzu kam die Furcht, die AFD könnte zusätzlich die Integrität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aushöhlen, der europaweit unter Beschuss von Rechtspopulisten steht. Die Jury des Media Forward Fund entschied sich mit „DAZWISCHEN“ zu einer Kooperation im Rahmen einer Projektfinanzierung in Höhe von 500.000 Euro, der bislang höchsten Summe, die der Fund vergeben hat.
Welches Problem will detektor.fm mit „DAZWISCHEN“ lösen, für welche Zielgruppe?
„DAZWISCHEN“ ist das erste regionale Angebot von detektor.fm. Die Hypothese der Gründer: Gerade außerhalb der großen Städte sind die Menschen mit regionalspezifischem Journalismus unterversorgt. Auch in Deutschland gebe es Nachrichtenwüsten, sagt detektor.fm-Mitgründer und Geschäftsführer Christian Bollert: „Wir wollen Regionaljournalismus neu denken.“ Audiogetriebenen Regionaljournalismus in Form von Podcasts gebe es in Deutschland selten oder überhaupt nicht – schon gar nicht als regelmäßiges Angebot, das sich wirklich mit einer Region auseinandersetze. „Andere sind mal vor einer Landtagswahl da oder wenn irgendetwas Krasses passiert – und dann schnell wieder weg.“
Welche Produkte bietet detektor.fm an?
Für „DAZWISCHEN“ hat detektor.fm ein Paket aus einem Podcast, einem Newsletter und Veranstaltungen geschnürt. Der Podcast erscheint seit Ende März 2026 einmal in der Woche und behandelt jeweils ein anderes regionales Thema. Beispiele sind: die Entwicklung der Krankheitstage von Beschäftigten in Sachsen-Anhalt, ein Demokratieprojekt in Dessau oder die Bedrohung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Jeder Podcast ist 30 bis 40 Minuten lang und wird von zwei freien Journalistinnen gehostet, die in der Region verwurzelt sind. Der Newsletter wird komplementär dazu jeden Donnerstag publiziert.
Im Herbst 2026 hat das Team bereits eine Community-Veranstaltung in Halle organisiert sowie gemeinsam mit dem Tagesspiegel für den 17. November nach Magdeburg eingeladen. Während in Halle die Zivilgesellschaft aus Sachsen-Anhalt und die Folgen des Wahlergebnisses im Mittelpunkt gestanden haben, geht es bei der Veranstaltung in Magdeburg um die Lehren und Erkenntnisse der demokratischen Parteien.
Was ist Geschäftsmodell von „DAZWISCHEN“?
„DAZWISCHEN“ strebt einen Mix aus Geschäftsmodellen an. Bis 2028 soll das Unternehmen zu je einem Drittel aus philanthropischen Mitteln, direkten Einnahmen durch Nutzer:innen und regionaler Werbung finanziert werden. Gegenwärtig stehen dem Team allein die MFF-Mittel zur Verfügung. Das Team bringt allerdings die Erfahrung mit, dies zu ändern, denn auch detektor.fm generiert seine Erlöse aus einem Mix. Dazu gehören Werbeeinnahmen, Podcast-Produktionen für Dritte und Veranstaltungen wie die Medientage Mitteldeutschland. Wirtschaftlich erfolgreich sind vor allem zwei Community-Formate: der Fahrrad-Podcast „Antrieb“ und das Gartenradio.
Was hat das Team getan, um „DAZWISCHEN“ zu entwickeln?
detektor.fm ist ein eingespieltes Team, das neue Geschäft konnte deshalb recht schnell aufgesetzt werden. Mit Blick auf die Landtagswahlen im September hatte das Team Anfang Januar 2026 mit der Planung begonnen und 20 Akteure aus der Zivilgesellschaft zu einer Diskussion eingeladen. Es sollte darum gehen, was Sachsen-Anhalt braucht. Schon drei Monate später ging „DAZWISCHEN“ mit dem Podcast-Format an den Start – mit Erfolg: „Praktisch aus dem Stand“ (Bollert) erreichte das Angebot 6.000 Abonnent:innen. Damit habe das Team das selbst gesteckte Ziel von 4000 Abonnent:innen übertroffen. „Was stark funktioniert sind Episoden, die sich ein konkretes Thema von vor Ort genommen haben“, sagt Bollert. In den gefragtesten Episoden sei es um Dorfläden gegangen oder um den Ort Zerbst, der als statistischer Zwilling repräsentativ für das Bundesland steht. Auch ein Interview mit dem Ministerpräsidenten schaffte es unter die Top Drei.
Der Newsletter wurde zeitgleich gestartet. Im Herbst hatten ihn mehr als 1.000 Menschen abonniert. An den qualitativen Rückmeldungen und den Mail-Adressen kann das Team ablesen, dass das Angebot tatsächlich im Bundesland oder in dessen Grenzregionen landet. „Das ist für uns der bessere Kanal, weil wir da die Mail-Adressen der Nutzenden haben“, sagt Bollert. Deshalb plane das Team beim Newsletter ein deutliches Wachstum. Die Kalkulation: Für 1.000 Nutzende, die für das Angebot zahlen, werden mindestens 10.000 Mail-Adressen gebraucht.
Welche Ressourcen das Team benötigt.
Im Herbst 2026 wurde „DAZWISCHEN“ von zwei festangestellten Kolleg:innen betreut, eine Person ist für den Podcast, die andere für den Newsletter verantwortlich. Sie können außerdem auf Ressourcen des detektor.fm-Teams in Leipzig zurückgreifen. Dort sitzen das Audio-Produktionsteam, Distribution und Marketing sowie das Management der Veranstaltungen, insgesamt 25 Mitarbeitende. Die beiden Hosts sind freiberufliche Journalistinnen.
Wie ist detektor.fm als Unternehmen organisiert?
Geschäftsführer Christian Bollert hatte das Podcast-Unternehmen 2009 in Leipzig gegründet – also lange, bevor der Podcast Boom auch Deutschland erreichte. Ziel war es, qualitativ hochwertige Audio-Formate für ein digitales Umfeld zu entwickeln. Im Führungsteam arbeiten außerdem Claudius Nießen, Stephan Ziegert, der das Redaktionsteam leitet, Kati Zubek, die sich federführend um die Distribution der Inhalte kümmert, sowie Steffi Nickel die für das Veranstaltungsteam verantwortlich ist. Die Hierarchien sind flach, das gesamte Team arbeitet rollenbasiert und seit 2024 in einer Vier-Tage-Woche.
Wie entscheidet detektor.fm über Produkte?
Produkte wie Podcasts, die regelmäßig erscheinen, müssen für detektor.fm wirtschaftlich tragfähig sein. Aber es gibt auch Produkte mit Potenzial, die das Team weiterführt, selbst wenn es sich (noch) nicht rechnet, so Bollert. Ein Beispiel dafür ist der „Grundgesetzpodcast“, den die Autorin Rabea Schloz gemeinsam mit Hajo Schumacher zum 70. Jubiläum des Grundgesetzes gestartet hatte und der dann ein großer Erfolg geworden ist und zu Folgeaufträgen geführt hat. Jeweils im Herbst werde Bilanz gezogen. Ideen für neue Projekte kämen natürlich auch aus dem Team. „Wir haben zum Beispiel lange gar nicht an regionaljournalistische Inhalte gedacht.“ Aber durch die Kooperation mit dem Media Forward Fund habe sich die Chance ergeben, eine Blaupause für ein solches Angebot zu schaffen. „Frei nach dem Motto ‚if you can make it in New York, you can make it everywhere‘ haben wir gedacht, wenn wir es in Sachsen-Anhalt schaffen, können wir es überall schaffen.“ Und dies sei auch durchaus die Vision.
Beim aktuellen Trend zu Video-Inhalten ist Bollert skeptisch. „Wenn man einen Video-Podcast mit einer prominenten Person macht, erreicht man sehr schnell 100.000 Leute. Aber wir glauben nicht daran, dass es sinnvoll ist, komplett auf Social Media zu setzen. Wir sind große Freunde von selbstbetriebenen Plattformen, da kann uns kein Tech-Konzern etwas wegnehmen.“ Der Weg über die Open-Source Plattform Mastodon sei zum Beispiel deutlich steiniger als jener über Instagram, aber Follower auf Mastodon habe man dauerhaft. „Unabhängigkeit ist für uns extrem wichtig. Denn wir sehen seit 17 Jahren, wie volatil TikTok, Insta und YouTube sind.“
Welche journalistischen Grundsätze detektor.fm anlegt
Auch im Redaktionellen gelte: Unabhängigkeit ist für detektor.fm das wichtigste Prinzip. Ein Redaktionskodex gibt dem Team vor, nach welchen Grundsätzen gearbeitet wird. Dazu gehören das Vier-Augen-Prinzip und bei Werbespots eine Beschränkung auf 60 Sekunden. Bollert: „Wir wollen keine Dauerwerbesendung und lassen uns keine Inhalte von Kunden diktieren. Es gibt eine hörbare Trennung. Bei uns verschwimmt nichts.“ Außerdem versuche die Redaktion, so ausgewogen wie möglich zu berichten. „Die Hörer:innen sollen sich selbst eine Meinung bilden. Wir haben ein sehr hohes Bild von unseren Nutzer:innen.“
Wie detektor.fm seinen Erfolg misst
Bei den Podcasts ist die zentrale Messgröße Abrufe. Eine Million Abrufe gelten als großer Erfolg. Quantitativer Erfolg sei jedoch nicht alles, sagt Bollert. Manch ein Podcast habe nicht viel Reichweite, aber in seiner Zielgruppe höre ihn die halbe Branche. detektor.fm produziert zum Beispiel auch gemeinsam mit dem brand eins Magazin einen Podcast, der von vielen Menschen in der Wirtschaft gehört werde. „Wir wollen auch Dinge machen, die journalistisch herausragend sind. Unser Antrieb ist es, gesellschaftlich relevante Inhalte zu machen.“ detektor.fm hat mit diesem Konzept schon etliche Preise gewonnen. Auch „DAZWISCHEN“ war im Herbst 2026 für den Grimme Online Award nominiert. Beim DAZWISCHEN-Newsletter will das Team schnell mittlere vierstellige Abonnent:innenzahlen erreichen und bei den Veranstaltungen steht vor allem der persönliche Austausch mit der Community vor Ort im Vordergrund.
Was detektor.fm mit „DAZWISCHEN“ gelernt hat
- Der Podcast ist hier der Funnel, der die Nutzenden anzieht, viele von ihnen abonnieren später den Newsletter. Bei den meisten Medienmarken funktioniert das andersherum, da kommen die Menschen über den Newsletter auf den Podcast.
- Die wichtigste Lektion war, den Newsletter und den Podcast voneinander abzukoppeln. Die Newsletter-Kund:innen hätten andere Nutzendenbedürfnisse, sagt Bollert. Hier sind beispielsweise aktive Elemente wie Umfragen oder Serien wie Veranstaltungshinweise besonders beliebt. Zwar stehe das jeweilige Podcast-Thema auch im Zentrum des Newsletters, aber andere Elemente ergänzten das Angebot und machen daraus ein eigenes Produkt.
- Die „DAZWISCHEN“-Hosts Katja Schmidt und Marie Landes spielen eine Anker-Rolle. Sie bringen Glaubwürdigkeit und einen persönlichen Touch ins Regionale. Beide kommen aus der Region, sind in Magdeburg beziehungsweise Dessau aufgewachsen und haben dort unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Das Team versucht, möglichst bei jeder Episode mit einer Person am Ort des Geschehens zu sein.
- Erwartungsgemäß hat „DAZWISCHEN“ von den Wahlen klar profitiert, in den Wochen davor und danach sei ein Großteil der Abonnent:innen dazugekommen – auch weil Drittplattformen wie Spotify das Angebot gelistet hätten.
Was würde detektor.fm beim nächsten Mal anders machen?
Der größte strategische Fehler von detektor.fm war laut Bollert, nicht mit einem Log-in gestartet zu haben. Man habe das Geschäft 2009/2010 in einer Phase des Tech-Optimismus gegründet. „Da haben wir eine riesige Chance verpasst. Wir hätten sonst heute hunderttausende Mail-Adressen und direkte Kontakte zu den Menschen.“ Eine halbe Million Menschen hätten beispielsweise detektor,fm-Podcasts abonniert, aber nur von einem Bruchteil habe man Mail-Adressen.
Was den Geschäftsführer am meisten überrascht hat
„Bei ‚DAZWISCHEN‘ überrascht mich am meisten, mit welch großer Dankbarkeit die Leute auf unser Projekt reagieren“, sagt Bollert. Die Menschen seien so interessiert daran, was das Team mache. An vielen Stellen hörten die Journalist:innen, dass die klassischen Medien seit Jahren nicht mehr vorbeigekommen seien. „Das widerspricht diametral dem oft verbreiteten Bild, dass die Leute die Schnauze voll haben.“ Die Menschen fühlten sich gesehen, vor allem die Initiativen, die politisch aktiv seien. Von den 20 Institutionen und Gruppen, die detektor.fm vor der Konzeption von „DAZWISCHEN“ angeschrieben habe, hätten beispielsweise 16 geantwortet, sie wollten gerne mitreden.
Wichtigster Tipp für andere Gründer:innen
Bollert: „Bleibt zuversichtlich. Ich glaube, wenn man etwas neues, digitales journalistisches macht und einen authentischen Antrieb hat und nicht nur den, Geld zu verdienen, dann wird das auf Dauer auch erfolgreich sein.“ Man werde Mitstreiter:innen finden, die mitmachen. Durchhaltevermögen gehöre allerdings dazu. „So etwas macht man nicht für drei Wochen oder ein halbes Jahr. So etwas ist eine lange Strecke.“
Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2026