Learning Visit: Wie Tsüri ein stabiles Geschäftsmodell aufgebaut hat
Als Teil unseres Upskilling-Programms haben wir im September 2026 unseren ersten Learning Visit angeboten. Rund 25 Medienschaffende aus dem gesamten DACH-Raum reisten dafür nach Zürich: Das Lokalmedium Tsüri öffnete für einen Tag seine Türen, gab Einblicke in das Geschäftsmodell und teilte Erfahrungen aus mehreren Jahren Aufbauarbeit.
Heute erwirtschaftet Tsüri rund 1,6 Millionen Schweizer Franken Umsatz pro Jahr. Dahinter steht ein Finanzierungsmix aus mehreren Erlösquellen: Member, Werbung, Events und der Shop. Dazu kommen projektbezogene Crowdfundings. Dass Tsüri heute breiter aufgestellt ist, hat dem Medium zunehmend Unabhängigkeit und Stabilität ermöglicht.
1. Member: Einnahmen direkt aus der Community
Mitgliedschaften sind eine zentrale Erlösquelle von Tsüri. Rund zehn Prozent der gesammelten E-Mail-Adressen werden zu zahlenden Membern. Neue Mitglieder gewinnt Tsüri vor allem über direkte Aufrufe in den eigenen Newslettern und regelmäßigen Kampagnen, etwa vier Mal pro Jahr.
Bei Tsüri bekommen zahlende Member keine klassischen Gegenleistungen. Rabatte und andere Vorteile wurden abgeschafft: Die Menschen zahlen, weil sie Tsüri unterstützen möchten. Alle Inhalte bleiben kostenlos.
2. Werbung: Reichweite als Erlösquelle
Pro Woche bietet Tsüri rund 50 Werbeplätze und verkauft dabei einzelne Platzierungen, aber auch Pakete über mehrere Kanäle. Darüber hinaus können Werbekund:innen Pakete über mehrere Lokalmedien hinweg buchen und so die größeren Städte der Schweiz erreichen. Ein Teil der Werbeeinnahmen wird bereits im Herbst über Jahrespakete für das kommende Jahr gesichert.
Das erfolgreichste Format ist der „Tipp des Tages“, eine native Werbeintegration im Newsletter mit Titel, Bild und kurzem Text. Statt klassischer Banner wird die Werbung markiert und im redaktionellen Umfeld platziert.
3. Events: Einnahmen und Community verbinden
Direkte Einnahmen kommen bei Events vor allem aus Sponsorings – Ticketeinnahmen spielen hingegen meist nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist vor allem, dass Events Nähe schaffen, die Community aktivieren und neue Kontakte für den Newsletter bringen.
Das Spektrum reicht von den Tsüri Awards und Pitch Nights bis zu Veranstaltungen rund um journalistische Recherchen. Bei den Pitch Nights finanzieren Sponsoren beispielsweise einzelne Slots. Andere Veranstaltungen werden über Partnerschaften ermöglicht, bei denen Tsüri die Location günstig oder kostenlos gegen Platzierung nutzen kann.
Nicht jedes Event muss dabei maximal profitabel sein. Manche Formate dienen stärker dem Aufbau und der Bindung der Community, teilweise auch in Verbindung mit der journalistischen Arbeit: Die mit dem Recherchekollektiv WAV durchgeführte Recherche „Wem gehört Züri?“ wurde zunächst per Crowdfunding finanziert. Ein zusätzliches Kampagnenziel ermöglichte dann Stadtspaziergänge und eine Podiumsdiskussion. So kann ein relevantes journalistisches Thema auf verschiedenen Ebenen auf Reichweite, Community-Bindung und zusätzliche Einnahmen einzahlen.
4. Shop: Erlösquelle jenseits des Journalismus
Rund CHF 100.000 Umsatz erwirtschaftet der Shop pro Jahr und ist damit ein relevanter Teil des Geschäftsmodells geworden. Bei neuen Merch-Produkten arbeitet Tsüri häufig mit Vorbestellungen und lässt dann erst produzieren.
Rund 80 Prozent der Verkäufe kommen über den Newsletter. Angeboten werden vor allem Produkte mit starkem Identifikationspotenzial und Bezug zur Stadt Zürich. Seit Juli 2026 können diese auch in vier Zürcher Coop-Filialen erworben werden.
Die Community bildet die Basis
Tsüri baut diese vor allem über das tägliche „Züri Briefing“ auf. Damit ist der Newsletter ein eigenständiges Produkt, das eine regelmäßige Beziehung aufbaut und konkreten Nutzwert bietet.
Eine starke und engagierte Community ermöglicht, dass die Erlösquellen sich gegenseitig verstärken: Der Newsletter ist Vertriebskanal für Werbung und Shop, bringt neue Member und aktiviert die Community für Crowdfundings. Events schaffen Nähe, persönliche Kontakte und neue Newsletter-Abos.
Gleichzeitig sorgt die Kombination verschiedener Erlösquellen für mehr Stabilität: Nicht alle Einnahmen hängen von denselben Faktoren ab. Wenn eine Säule schwächer ausfällt, muss nicht automatisch das gesamte Geschäftsmodell unter Druck geraten.
Das Geschäftsmodell von Tsüri muss nicht Blaupause für alle sein. Aber: Medien können ihre Finanzierung Schritt für Schritt breiter aufstellen und damit unabhängiger von einzelnen Erlösquellen werden. Welcher Mix funktioniert, hängt stark von der Medienmarke und Zielgruppe ab.
Foto: Tina Shayesteh / Tsüri.ch
Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2026